November 2018

manchmal

 

manchmal liegt die Trauer

wie November auf den Farben

des Lebens

verstopft die Ohren

verschweigt Hoffnung

bis Kinderlachen Stille bricht -

dann malt St. Martin

dem November Laternenaugen

ins Gesicht

                                      Adelheid Burkhardt

 

 

Oktober 2018

Ein Mensch

Da war mal ein Mensch
liebte bedingungslos
die Lilien die Kinder
die Vögel des Feldes
stand auf gegen Herrschaft
von Unrecht und Gleichgültigkeit
Lieblosigkeit und Gewalt
stand auf und durchkreuzte den Tod
sagte was hast du
erreicht wenn du hasst
deine Feinde die Kranken
brauchen dich sehr
verrate sie nicht –
da war mal ein Mensch
überliebte den Tod.

                                                         © Dagmar Westphal

Aus: »Mein Herz ist hell. Gedanken – Lieder – Gebete«, 2017

 

 

 

August / September 2018

Kürzlich war ich im Kino und habe mir den Papstfilm von Wim Wenders - "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" - angeschaut (extrem sehenswert! Sehr beeindruckend!). Dabei bin ich wieder auf ein Gebet des Heiligen Thomas Morus gestoßen, das vor langer Zeit in den Tiefen meiner spirituellen Schatzkiste verschütt gegangen war und das ich aber nun gerne wieder hervorhole und hier teilen möchte. Die Tatsache, dass Papst Franziskus dieses Gebet jeden Tag betet, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es nun bei mir in den Status eines persönlichen Gebetsevergreens aufsteigt. Ich finde es so bodenständig und alltagsnah, geerdet und gehimmelt zugleich...

Alexandra Holzbauer

Das Gebet des Thomas Morus 

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr,
und auch etwas zum Verdauen.
Schenke mir Gesundheit des Leibes,
mit dem nötigen Sinn dafür, 
ihn möglichst gut zu erhalten.

Schenke mir eine heilige Seele, Herr,
die das im Auge behält, was gut ist und rein,
damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke,
sondern das Mittel finde,
die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Schenke mir eine Seele,
der die Langeweile fremd ist,
die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen,
und lass nicht zu, dass ich mir all zu viel Sorgen mache
um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich” nennt.

Herr, schenke mir Sinn für Humor,
gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen,
damit ich ein wenig Glück kenne im Leben
und anderen davon mitteile.

 

 

 

Februar 2018

Wenn es einmal so ganz still wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte

und das nachbarschaftliche Lachen.

Wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,

mich nicht so sehr verhinderte am Wachen.

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken

bis an den Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),

um dich an alles Leben zu verschenken

wie einen Dank.

 

Rainer Maria Rilke

Januar 2018

Wir brauchen nicht so fortzuleben,

wie wir gestern gelebt haben.

Macht euch nur von dieser Anschauung los,

und tausend Möglichkeiten

laden uns zu neuem Leben ein.

 

Christian Morgenstern

(1871 - 1914)

aus: "Unter deinem Segen" (hg. von E. Schulz)

November 2017

Jede Minute

 

Kostbar der Herzschlag

jeder Minute

sie schenkt dir den Atem

erlaubt dir anzufangen

aufs neue

 

In deinem Augenstern

kreist die verwirrende Welt

ruht das Himmelsherz

jede Minute

 

Rose Ausländer

Oktober 2017

August 2017

Zeitansage

 

 

Es kommt eine zeit

da wird man den sommer gottes kommen sehen

die waffenhändler machen bankrott

die autos füllen die schrotthalden

und wir pflanzen jede einen baum

 

Es kommt eine zeit

da haben alle genug zu tun

und bauen die gärten chemiefrei wieder auf

in den arbeitsämtern wirst du

ältere leute summen und pfeifen hören

 

Es kommt eine zeit

da werden wir viel zu lachen haben

und gott wenig zum weinen

die engel spielen klarinette

und die frösche quaken die halbe nacht

 

Und weil wir nicht wissen

wann sie beginnt

helfen wir jetzt schon

allen engeln und fröschen

beim lobe gottes

 

- Dorothee Sölle -

Juli 2017

Achte auf deine Gedanken,

denn sie werden zu Worten.

Achte auf deine Worte,

denn sie werden zu Handlungen.

Achte auf deine Handlungen,

denn sie werden zu Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten,

denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter,

denn er wird dein Schicksal.

 

- Aus dem Talmud (zitiert nach Charles Reade) -

Juni 2017

Passend zum Pfingstfest, das wir dieses Jahr Anfang Juni feiern, hier ein Text des großen Theologen Karl Rahner:

 

Ich glaube an den Heiligen Geist.

Ich glaube, dass Gottes Geist meine Vorurteile abbauen kann.

Ich glaube, dass er meine Gewohnheiten ändern kann.

Ich glaube, dass er meine Geleichgültigkeit überwinden kann.

Ich glaube, dass er mir Phantasie zur Liebe geben kann.

Ich glaube, dass er mir Warnung vor dem Bösen geben kann.

Ich glaube, dass er mir Mut für das Gute geben kann.

Ich glaube, dass er meine Traurigkeit besiegen kann.

Ich glaube, dass Gottes Geist mir Liebe zu Gottes Wort geben kann.

Ich glaube, dass er mir Minderwertigkeitsgefühle nehmen kann.

Ich glaube, dass er mir Kraft im Leiden geben kann.

Ich glaube, dass er mir Gefährten und Gefährtinnen geben kann.

Ich glaube, dass er mir mein Wesen durchdringen kann.

Ich glaube, dass er mir inneren und äußeren Frieden geben kann.

Ich glaube an den Heiligen Geist.

Mai 2017

April 2017

Du hast eine Verabredung mit dem Leben.

Und das Leben findet nicht in der Vergangenheit statt, denn die Vergangenheit ist schon vorbei.

Das Leben findet auch nicht in der Zukunft statt, denn die Zukunft ist noch nicht da.

Das Leben findet in diesem Augenblick statt, und der ist genau da, wo du jetzt gerade bist.

Wenn du also diesen Augenblick versäumst, versäumst du deine Verabredung mit dem Leben.

- Thich Nhat Hanh -

März 2017

Der Möglichkeitssinn

Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.

Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.

So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.

- Robert Musil -